Geschichte der Klinge


Aus der "Teufelsklinge" wurde ein "Ort zum Leben"

Ein Junge von etwa 13 Jahren durchwandert ein kleines Tal, das bald enger wird. An den links und rechts ziemlich steil aufsteigenden, aber nicht sehr hohen Hängen wächst junger Laubwald. "Klinge" nennt man in dieser Gegend, wo der Odenwald in das Bauland übergeht, einen solchen von Wald begrenzten talartigen Geländeeinschnitt mit einem kleinen Bach. Mit dieser Klinge aber hat es eine besondere Bewandtnis. Alte Sagen und der Volksmund berichten, daß es hier nicht ganz geheuer sei und der Leibhaftige seine Hand im Spiele habe, daher der Name "Teufelsklinge".

Dem Jungen war auch nicht ganz wohl in seiner Haut, und er überlegte, ob er seinen Weg nach Schlierstadt nicht doch besser über Zimmern nehmen sollte. Aber der Wunsch, eher zu Hause zu sein, vielleicht auch ein wenig Abenteuerlust überwogen. Eine Melodie pfeifend, um sich Mut zu machen, schritt er weiter in die enger werdende Schlucht. Plötzlich bricht unter lautem Knacken von Geäst und dem Krachen aneinander klirrender Steine aus dem Gebüsch am Wegrand etwas hervor. Mit einem lauten Schrei, ohne hinzusehen, kehrt der Junge auf der Stelle um und rennt hinunter zur Landstraße nach Zimmein und dort weiter bis zum Ortseingang. Erst hier wagt er sich umzudrehen und atmet erleichtert auf, als er sich alleine sieht. Ob es nun ein Reh oder ein Wildschwein oder doch etwas anderes war, felsenfest behauptet er sein Leben lang, ihm sei damals der Teufel erschienen, und nur wegen seiner Schnelligkeit und weil ihm Gott sei Dank ein Stoßgebet eingefallen sei, sei er mit dem Leben davongekommen.

Schon lange deckte den Jungen, der trotz der Teufelserscheinung ein hohes Alter erreicht hatte, der Rasen des Schlierstadter Friedhofs, da erhielt die Teufelsklinge anderen Besuch. Es waren Männer in den graubraunen Uniformen der "Organisation Todt". Diese hatten ihren Namen von dem ersten Baumeister Hitlers und tauchten überall auf, wo bauliche Aufgaben im Vor- oder Umfeld des Militärischen zu lösen waren.
So bauten sie den West-, den Ost- und später auch den Atlantikwall, aber noch mehr unzählige kleinere und größere Lager und Unterkünfte, vom Arbeits- bis zum Konzentrationslager. Der Krieg war nun im 5. Jahr. Besonders die Luftangriffe setzten Deutschland immer mehr zu und brachten die Produktion in Gefahr. Aus diesem Grunde verlagerte man kriegswichtige Industrien immer mehr aus den großen Städten aufs Land oder in besonders geschützte Regionen. So verfiel man auch auf den Gedanken, die Schächte des Gipswerks in Seckach zu benutzen, um dort die Produktion einer bekannten Kugellagerfabrik in Schweinfurt unterzubringen.
Die Arbeitskräfte, die man für diesen Betrieb brauchte, konnten nicht aus der Gegend selbst kommen. Die Männer waren alle im Krieg, und die Frauen mußten großenteils Ehrenarbeit besorgen oder waren ebenfalls dienstverpflichtet. So kamen immer mehr zwangsweise rekrutierte Arbeiter aus den von der deutschen Wehrmacht besetzten Gebieten, hauptsächlich aus dem Osten, aus Polen und Rußland. Auch für das nach Seckach verlagerte Werk waren solche "Fremdarbeiter" vorgesehen, und ihretwegen kamen die Männer der OT in die Teufelsklinge. Und mit ihnen begann die Begegnung dieses Stückes Erde mit Heimatlosigkeit in vielen Formen und aus vielen Ursachen. Sicher war diesen mageren Wiesen und Äckern an der Gemarkungsgrenze Seckach/Schlierstadt eine solche Bestimmung nicht vorgezeichnet gewesen. Nur die Überlegung der damals Verantwortlichen, die entwurzelten "Fremdarbeiter" nicht in zu nahen Kontakt mit der eingesessenen Bevölkerung zu bringen, sie auch in gegen Fliegereinsicht geschützten Baracken wohnen zu lassen, um ihre Arbeitskraft nicht durch einen Fliegerangriff zu verlieren, setzte den Anfang zu einem Werk, das durch 50 Jahre und auch heute noch bestimmt ist von dem Willen, dem Elend der Heimatlosigkeit abzuhelfen oder es wenigstens zu mildern. Wie vielfältige Formen von Heimatlosigkeit es gibt und welcher Hilfe sie bedürfen, werden wir im Laufe unserer Geschichte noch sehen.

Die Organisation Todt baute nun ihre Baracken zwar aus Stein, aber sonst so einfach und primitiv, daß sie eben noch ihre Aufgaben erfüllten. Weder wurden die Eigentümer des Grund und Bodens gefragt, ob sie mit dem Bau einverstanden wären, noch nahm man Rücksicht auf Abgrenzungen. So entstanden schließlich zwei der Baracken direkt auf der Gemarkungsgrenze. Sieben waren es im Tal nördlich der Landstraße Seckach - Adelsheim, vier unterhalb der Straße. Sie erfüllten auch den ihnen zugedachten Zweck, bis der Krieg zu Ende war.
Nun hatten es die "Fremdarbeiter" verständlicherweise eilig, zurück nach Hause zu kommen. Daß sie die ihnen verhaßten Zwangsunterkünfte nicht besonders gepflegt zurückließen, kann man verstehen. Zu dem bitteren Kapitel der Nachkriegszeit gehörte es aber auch, daß besonders für die russischen Fremdarbeiter die Heimatlosigkeit damit nicht endete. Mit den überlebenden russischen Kriegsgefangenen ließ man sie nicht nach Hause, sondern neues Lagerleben und Zwangsarbeit folgten für sie.

Die Klinge sah nun dem nächsten Abschnitt, der nächsten Heimatlosigkeit entgegen. Seit die Front das deutsche Reichsgebiet erreicht hatte, begann ein immer größer werdender Strom von Flüchtlingen nach Westen zu ziehen. Den Höhepunkt erreichte diese Bewegung im Jahre 1946, als die systematische Austreibung der deutschen Einwohner aus den Gebieten östlich von Oder und Neiße und aus dem Sudetenland erfolgte. Natürlich muß man sich im Restdeutschland, das alle die Millionen aufzunehmen hatte, darum kümmern, daß diese Ströme nicht regellos ins Land einbrachen. So wurde ein Netz von Auffang- und Durchgangslagern geschaffen, die eine erste Hilfe darboten und von wo aus die Verteilung in die umliegenden Städte und Dörfer erfolgen konnte. Groß war die Auswahl von Orten und Unterkünften, wo solche Durchgangslager eingerichtet werden konnten, nicht. Millionen von Gebäuden lagen in Trümmern, die besten Wohnungen und die Kasernen waren der Besatzungsmacht reserviert. Es ist daher nicht verwunderlich, daß auf die in der Teufelsklinge entstandenen "Fremdarbeiter"-Baracken zurückgegriffen wurde, nachdem sie notdürftig wieder hergerichtet waren.

Und so wurde die Klinge nun Etappe einer weiteren, noch viel umfangreicheren und tiefer greifenden Form der Heimatlosigkeit. Hatten die Fremdarbeiter zumindest noch die Hoffnung, nach Kriegsende wieder heimzukehren, so verringerte sich diese Hoffnung bei den deutschen Flüchtlingen, den "Heimatvertriebenen", wie sie später offiziell bezeichnet wurden, aus dem Osten auf das Maß, das ohne alle Aussicht auf Erfüllung immer noch einen Hoffnungsschimmer läßt. Tausende passierten in wenigen Monaten das Lager in der TeufelskIinge. Und dies war Ursache dafür, daß mit der Teufelsklinge ein Mann in Berührung kam, der für die weitere Entwicklung von entscheidender Bedeutung wurde: Pfarrer Heinrich Magnani. Er war damals Pfarrer in Hettingen, zugleich aber auch Vorsitzender der Kreis-Caritas des Landkreises Buchen. Caritas aber war in jener Zeit großenteils ausgefüllt von der Fürsorge für die Flüchtlinge.

So kam auch Pfarrer Magnani in das Lager "Teufelsklinge", begrüßte dort jeden ankommenden Transport, hielt Gottesdienst an einem im Freien errichteten großen Kreuz mit Altar, kümmerte sich aber auch um Einzelschicksale. Besonders vermochte er es, seine Pfarrkinder in Hettingen zu bewegen, daß sie bereitwillig Platz schafften, die Heimatvertriebenen in der Dorfgemeinschaft aufzunehmen und einzugliedern. Er besorgte Nahrungsmittel und Material, er gründete Werkstätten, in denen die Flüchtlinge selbst ihre Fähigkeiten und Kenntnisse verwerten konnten, um sich das Notwendige für den Aufenthalt in der neuen Heimat zu schaffen. Nicht zuletzt war die Gründung einer Baugenossenschaft in Hettingen von der Absicht geleitet, den Flüchtlingen endgültige Heimat zu schaffen; "Neue Heimat" war auch der Name der Genossenschaft. Legendär geworden sind die aus Lehm und Strohgemisch errichteten Wände der ersten Häuser dieser Baugenossenschaft.

Im Jahr 1947 verebbte dann der Strom der Flüchtlinge, die in die "Teufelsklinge" kamen. Die Baracken leerten sich aber nicht mehr, und Pfarrer Magnani und die Teufelsklinge kamen nicht mehr voneinander los. Die Flüchtlinge waren zwar mehr oder weniger gut oder notdürftig untergekommen, aber Probleme im Gefolge der Eingliederung gab es genug, insbesondere auch mit den Kindern und Jugendlichen. Flucht und Vertreibung hatten vielen Menschen das Leben gekostet. Die Zahl der elternlosen Flüchtlingskinder war nicht gering. Die Jugendlichen wiederum standen ohne Ausbildung und Arbeit da, denn die durch Krieg und Besatzung bis ins Mark getroffene Wirtschaft konnte sie nicht aufnehmen.

Aber nicht nur die Kinder und Jugendlichen der Heimatvertriebenen machten Sorgen, auch die einheimischen Kinder und besonders die in den großen Städten litten viel Not und Elend. Was man auf Lebensmittelmarken zugeteilt bekam, reichte nicht zum Leben und nicht zum Sterben. Nur wer Beziehungen hatte, die Ellenbogen gebrauchte und sich nicht scheute, etwas zu riskieren, kam einigermaßen über die Runden. In solcher Lage müssen immer die Schwächsten die Zeche bezahlen, und immer sind dies auch die Kinder. So setzte Pfarrer Magnani zu Beginn in der Klinge zwei Schwerpunkte. Er begann, heimatvertriebene Jugendliche in Kursen, Lehrgängen und durch Notstandsarbeiten aufzufangen, und er holte die Großstadtkinder heraus aus der Tristesse der zerstörten Städte, um sie für ein paar Wochen in frischer Luft, bei guter Kost und einem sinnvollen Tagesablauf mit einem besseren Leben bekannt zu machen.

Sehr viel Raum stand ihm dafür anfangs nicht zur Verfügung. Zwar konnte er eine der Baracken käuflich erwerben, und auch Grund und Boden wurden nach und nach gekauft. Die restlichen Baracken aber gingen in Besitz einer Privatperson über und mußten nach und nach erst gemietet und dann gekauft werden. Diese Inbesitznahme der Baracken zog sich bis in das Jahr 1969. Aber es gab Provisorien, um die Raumnot zu überbrücken. Insbesondere für die Kinder, die zur Erholung in die Klinge kamen, wurden in der ersten Zeit große Zelte errichtet, die auch relativ gut ausgestattet waren und so die Durchführung von Erholungskuren und Freizeit möglich machten. So langsam normalisierte sich in Deutschland wieder das Leben. Die Währungsreform, verbunden mit den Geldern des Marschall-Plans, brachte relativ schnell die Wirtschaft in Schwung.

Aber es brauchte noch lange Zeit, bis die schlimmsten Folgen des Krieges überwunden waren. Auch in der Klinge ging es nun weiter und aufwärts. 1949 waren schon zwei Baracken Eigentum der Caritas. Und aus der "Caritashütte Seckach", wie der erste Anfang in der Klinge geheißen hatte, war schon ein "Caritasheim" geworden. Auch die ersten Grundstücke wurden erworben. Eine kleine Landwirtschaft, geführt von einem heimatvertriebenen Bauern, befand sich im Aufbau.
18 heimatvertriebene Mädchen besuchten einen Lehrgang für Hauswirtschaft, 160 Kinder wurden im Erholungsheim betreut und 410 Kinder und Jugendliche konnten in Zelten frohe Ferien betreiben. Auch die notwendigen ergänzenden Einrichtungen wie Küche und Lagerräume waren vorhanden, der Wegebau, hauptsächlich durch jugendliche Notstandsarbeiter, ging voran.

Auf zwei feste Säulen konnte Pfarrer Magnani sich in dieser Anfangszeit stützen:
die Baugenossenschaft "Neue Heimat" und die Pfarrkinder seiner Pfarrei in Hettingen.
Durch tatkräftige Mithilfe beim Bau und bei Veranstaltungen halfen sie ihm, sowohl Geld zu sparen als auch beizubringen. Über die "Neue Heimat" lief die bauliche Organisation und ein großer Teil der geschäftlichen Abwicklung.
So wagte man sich auch an den Bau eines Schwimmbades. Dafür hätte man Geld aus dem amerikanischen McCloy-Fonds bekommen können, wenn nicht ein Haken dabei gewesen wäre. Der Fonds gab seine Mittel nur an religiös und weltanschaulich neutrale Einrichtungen; die Klinge aber war ein Teil der Caritas. So entschloß man sich – es ging schließlich um 40 000 DM –, einen eigenen Verein zu gründen und in dessen Satzung zunächst keine Bindung an religiöse oder weltanschauliche Ideen festzuschreiben. Dies war am 13. Februar 1951. Gründungsmitglieder waren einige Honoratioren aus dem Landkreis, einige Pfarrer als persönliche Mitglieder, eine größere Anzahl von Pfarreien als korporative Mitglieder, die politischen Gemeinden Seckach, Schlierstadt und Hettingen, die Geschwister von Pfarrer Magnani, natürlich er selbst und noch einige Freunde.

Der neue Verein gab sich den Namen "Jugendheim Klinge e.V.". Damit war aus der Teufelsklinge endgültig, aber auch offiziell die "Klinge" geworden.

(Auszug aus unserer Broschüre "Ein Ort zum Leben im Wandel der Zeit")

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